Ergebnisse und Abschlussbericht

Mehr agieren, weniger reagieren: Der HumanIThesia-Kongress „Ethik und KI“ begibt sich auf die schwierige Suche nach einer Ethik für künstliche Intelligenz.

Text: Torge Ziemer | Fotos: Elisa Söll

Große Premiere in Tübingen: Zum ersten Mal richteten die Integrata-Stiftung, die Giordano-Bruno-Stiftung und das Weltethos-Institut der Universität Tübingen den HumanIThesia-Kongress „Ethik und KI“ aus. Um die 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten am 28. Oktober einen ganzen Tag lang über die ethischen Herausforderungen im Umgang mit künstlicher Intelligenz.

„Eines der spannendsten und dynamischsten Themen unserer Zeit“ – so hatte Moderatorin Anni Schlumberger von der Human IT Service GmbH (HIT) im Vorfeld der Veranstaltung das Verhältnis von KI und den damit einhergehenden ethischen Fragen beschrieben. Diesem Anspruch wurde das inhaltliche Niveau des Kongresses uneingeschränkt gerecht. Differenziert und mitunter auch emotional stritten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft über die Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz in Zukunft einnehmen wird, welche Veränderungen sie für das gesellschaftliche Zusammenleben mit sich bringt und wie eine Gesellschaft auf die Auswirkungen dieses technologischen Quantensprungs regieren muss. Auf eine allgemeine Losung konnten sich dabei alle einigen: Es muss darum gehen, bereits jetzt eine Ethik der Nutzung künstlicher Intelligenz zu entwickeln, um für die Zukunft einen regelbasierten Umgang mit KI unter Wahrung der Innovationskraft in diesem Zukunftsfeld technologischer Entwicklung gewährleisten zu können. Der Kongress sollte dabei nicht nur den aktuellen Stand der ethischen Debatte zum Thema KI abbilden sondern auch Einblicke in die technischen Grundlagen geben.

Wer zu spät diskutiert, den bestraft die KI

Nach einem Grußwort von Dr. Bernd Villauer vom Weltethos-Institut, in dessen Räumlichkeiten der erste Tübinger KI-Kongress stattfand, leiteten die Moderatoren Anni Schlumberger und Sascha Blättermann (beide HIT) in Thema und Ablauf der Veranstaltung ein. Schlumberger verwies dabei zunächst auf die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung sowie die Auswirkungen auf unzählige Lebensbereiche und unterstrich damit Chancen und Herausforderungen mit Blick auf den zu erwartenden Fortschritt im Bereich Künstliche Intelligenz. Da sich die Aufstellung ethischer Regeln im Nachgang des technischen Fortschritts schwierig gestalte, sei es wichtig, tiefgreifende Diskussionen im Vorfeld desgleichen durchzuführen. Der Kongress biete dazu eine ausgezeichnete Plattform.

Der Vormittag des Kongresses bot Raum für insgesamt drei Vorträge zu ganz unterschiedlichen Themenschwerpunkten im weiten Feld von „Ethik und KI“. Zunächst referierte Prof. Karsten Weber von der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) in Regensburg über die Relevanz eines Diskurses über Ethik und künstliche Intelligenz. Der Philosoph aus dem Feld der Technikfolgenabschätzung und Technikethik wies in seinem Vortrag unter anderem auf die besondere ethische Verantwortung von Entwicklern, Förderern aber auch Nutzern von KI-Systemen mit Blick auf das Verhalten dieser Computerprogramme hin. Prof. Matthias Bethge von der Universität Tübingen referierte über die technischen Details und Möglichkeiten KI-basierter Computersysteme in seinem Vortrag „Wie Maschinen lernen: Deep Learning“. Den Abschluss der Vortragsreihe bildete der Beitrag von Dr. Thomas Grote vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IWEZ) der Universität Tübingen, der in den aktuellen Stand der Wissenschaftsdebatte zu Fragen maschineller Ethik einführte.

Nach einer Stärkung am Mittag ging das Format des Kongresses über in eine Workshopphase mit vier parallel verlaufenden Themenworkshops. Michael Mörike, Vorstand der Integrata-Stiftung, diskutierte mit Interessierten das Thema „Bilderkennung & Diskriminierung“. Welf Schröter vom Forum Soziale Technikgestaltung berichtete unter dem Titel „KI & Arbeitswelt – Industrie 4.0“ über seine Erfahrung zum Umgang mit künstlicher Intelligenz aus Arbeitnehmersicht. Eike Gräf vom Berliner Think Tank iRights.lab widmete sich dem Thema „Big Data & Datenschutz“ und den daraus entstehenden Implikationen für die Felder Freiheit und Sicherheit. Der Würzburger Jurist Nicolas Woltmann von der universitätseigenen Forschungsstelle Robotrecht stellte sich den Fragen von Verantwortung und Haftung im Bereich „Autonomes Fahren“. Die Ergebnisse der dreißminütigen Workshops wurden schließlich im Plenum zusammengetragen und dem Publikum vorgestellt.

„Die Zukunft bestimmen wir.“

Den Schlusspunkt des Kongresses bildete eine eineinhalbstündige Podiumsdiskussion unter der Leitung von Sascha Blättermann. Als thematischer Überbau diente hier die Frage nach der Einbindung der Zivilgesellschaft in die Debatte zu Ethik und KI. Dieser stellten sich Prof. Karsten Weber, Dr. Bernd Villauer, Dr. Michael Schmidt-Salomon, Philosoph und Vorstand der Giordano-Bruno Stiftung, sowie Nicolas Woltmann von der Universität Würzburg. Einig waren sich die Teilnehmer zunächst darin, ethische Anforderungen an eine Technik bereits im Vorfeld ihrer Entwicklung aufzustellen. Eine Ethik dürfe nicht erst im Nachhinein als Legitimationsgrundlage einer entwickelten Technologie dienen.

 

Michael Schmidt-Salomon erklärte in diesem Zusammenhang, eine Ethik müsse stärker agieren statt nur zu reagieren. Dies bedeute, man müsse technologischen Innovationen klare Regeln vorscheiben. Dr. Bernd Villauer warnte in diesem Sinne davor, sich als Gesellschaft lediglich adaptiv gegenüber dem technischen Fortschritt zu verhalten: „Die Zukunft bestimmen wir.“

Damit war die Diskussion auch beim Hauptthema angelangt: Die Frage der Einbindung der gesamten Zivilgesellschaft in den ethischen Diskurs zum Umgang mit künstlicher Intelligenz. Schmidt-Salomon sah insbesondere die Wissenschaft in der Pflicht, ethischen Fragen lösungsorientiert entgegenzutreten, anstatt in einen kleinteiligen Problemzentrismus zu verfallen. Der Wissenschaftsdiskurs müsse sich an den konkreten Interessen der Menschen im Zuge der KI-Entwicklung orientieren, anstatt die üblichen, aber meist völlig realitätsfremden philosophischen Gedankenexperimente zu bemühen. Um die mit der KI anfallenden gesamtgesellschaftlichen Probleme und Veränderungen den Menschen näher zu bringen, sei es des Weiteren erforderlich, die Wissenschaftssprache soweit zu entzerren, dass die Debatte einem breiten Publikum geöffnet werden könne.

„Die Arbeitsbilder werden sich anpassen.“

Karsten Weber und Bernd Villauer forderten eine bessere und offenere Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Hierzu sei nach Weber eine größere Transparenz in Forschung und Industrie wichtig, um rechtzeitig über Gefahren aufzuklären und die Entwicklung von KI-basierten Technologien zugunsten menschlicher Bedürfnisse und Interessen auszurichten. Auch sei es, so Villauer, wichtig, als Ethiker mediale Präsenz zu zeigen. Nicolas Woltmann wies in diesem Zusammenhang jedoch kritisch darauf hin, dass der Fokus der Medienberichterstattung im Kontext der KI-Entwicklung meist aufsehenerregenden Nischenthemen gelte. Umso entscheidender sei es daher, so Villauer, klare Sprach- und Darstellungsformen zu finden, um die gesamte Tragweite der Herausforderungen im Zuge der KI-Entwicklung der Öffentlichkeit näherzubringen. Gerade Veranstaltungen wie der HumanIThesia-Kongress leisten hierzu einen Beitrag.

Und wie wird unsere Zukunft, unser Leben mit KI aussehen? Weber zufolge seien die Auswirkungen auf die Zukunft zahlreicher Berufsfelder heute noch gar nicht abschätzbar. Man sei gegenwärtig Zeuge einer Phase „kreativer Zerstörung“ innerhalb des Wirtschaftssystems; trotz alledem sei übertriebene Skepsis nicht gerechtfertigt. Dies entsprach auch der Ansicht Nicolas Woltmanns: „Die Arbeitsbilder werden sich anpassen.“

Zumindest keine allzu pessimistische Prognose.

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